Die erste Prüfung

Bei den Grundlehrgängen der Polizeischule ist er nur unter dem Namen „Riesenbaby“ bekannt. Keiner der Lehrgangsteilnehmer traut ihm zu, die Hürden der theoretischen Prüfungen der Grund- und Aufbau-Lehrgänge zu überwinden. Trotzdem schafft er es mit etwas Beistand von allen Seiten doch, und es soll sogar ein recht brauchbarer Streifenpolizist aus ihm werden. Riesenbaby hat nur einen Vorteil. Er verfügt über Bärenkräfte, deren Auswirkungen er teilweise gar nicht richtig einschätzen kann. So stemmt er Bokolic einmal auf der gemeinsamen Stube, im Grundlehrgang mit jeweils vier Polizeischülern belegt, mitsamt dessen eisernen Bettgestells bis an die Decke hoch und lässt ihn anschließend wieder zu Boden fallen. Beim Aufprall auf dem Boden ist das Rohrgestell zu Bruch gegangen, Bokolic’s Knochen jedoch sind heil geblieben. Riesenbaby hat sich angewöhnt bei den theoretischen Exkursionen in Rechts- und Naturwissenschaften im Kielwasser von Bokolic mit zu schwimmen, was seinem bisherigen Notendurchschnitt sehr zugute kommt. Bei der in der Mitte des Grundlehrgangs angesetzten „Bergprüfung“, fühlt sich einer der Prüfer, ein Polizeirat von kleiner, schmächtiger Statur, fast unter der erforderlichen Mindestgröße für Schutzpolizeibeamte, sich bemüßigt, mit unverhohlener Missgunst in der Stimme, Riesenbaby nach den durchaus gelungenen Antworten von Bokolic zu dessen Ausführungen regelrecht in die Zange zu nehmen. Dies geht in Rechts- und Verkehrskundefächern für Riesenbaby recht gut ab, weil er mit Bokolic zusammen jeden Abend auf der Stube seine „Mangelfächer“ gepaukt hat und ihm somit die Ausführungen Bokolic’s nicht fremd sind, und der eine oder andere erklärende Zusatz sich nach etlichen Wiederholungen doch in sein allzu beschränktes Gedächtnis eingegraben hat. In Dienstkunde jedoch, wo taktische Konzeptionen und deren dienstkundliche Begründung gefragt sind, versagt diese Methode völlig. Trotzdem begreift Riesenbaby, worauf es ankommt. Von dem Polizeiratszwergen zu einer von Bokolic ausführlich erläuterten und begründeten Einsatzkonzeption befragt, antwortet er, mit entschlossener Miene aber bescheidener Stimme: „Herr Rat, ich schließe mich den Vorstellungen und Ausreden meines Vorredners uneingeschränkt an. Es gibt nichts hinzuzufügen.“ Die Antwort löst bei dem vielköpfigen Prüfungskomitee allgemeine Heiterkeit aus, nachdem Riesenbaby dennoch einige allgemeine aber durchaus verständige Randbemerkungen zu dieser Einsatzkonzeption vorträgt, lassen die Prüfer seine Ein- und Ausreden gelten und verpassen ihm dieselbe Note wie Bokolic, was ihm angesichts schlechter Noten in Kriminalistik und Zivilrecht doch noch über den Berg der Theorie hinweghilft. Bei der praktischen Bergvorstellung, müssen die Prüflinge in Gruppen zu zweien oder vieren zusammengefasst, in einem Schaukampf gegeneinander antreten, wobei eine Hälfte der Gruppe das Böse, das polizeiliche Gegenüber, die andere Hälfte das Gute oder die Hüter von Recht und Ordnung verkörpern. Es gilt jedoch den praktischen Ausbildungsstand bestmöglich darzustellen und somit muss das Gute immer über das Böse siegen, um eine gute Note für die ganze Gruppe zu erzielen. Nun kommt ausgerechnet der Zwergenpolizeirat auf die glorreiche Idee, die Beiden, die ihm in der theoretischen Prüfung die Show gestohlen haben, gegeneinander antreten zu lassen. Hierbei teilt er mit listigem Lächeln, wohl nicht ohne Hintergedanken, Riesenbaby, das körperliche Schwergewicht als das polizeiliche Gegenüber oder den Bösewicht ein. Bokolic ist zwar mit dem geistigen und praktischen Rüstzeug zur Bewältigung der nachzustellenden Situationen versehen, hat jedoch unter vorgegebenen Spielregeln keine Chance gegen das wahrhaftige Riesenbaby anzukommen. Vor allem hat er keinerlei Chance, weil Riesenbaby, den Sinn der Demonstration missverstehend, meint, seine körperliche Stärke ausspielend, damit die meisten Punkte sammeln zu können. So kommt es, zur Schadenfreude des gnomenhaften Polizeirates, dass die ersten von vier vorgesehenen praktischen Übungen zugunsten des mit vollem Ernst und Eifer überlegen agierenden Riesenbaby jedoch zuungunsten der Benotung ausgehen und damit die Gefahr besteht, dass sowohl Bokolics als auch Riesenbabys Bewertung polizeilicher Handarbeit vollends versaubeutelt wird. Koste es, was es wolle, die dritte Übung muss das Blatt wenden, um mit Anstand den praktischen Teil der Bergprüfung wenigstens mit einem „Ausreichend“ abschließen zu können. Bokolic weiß, dass er alleine auf sich gestellt ist, und nicht mit der Mithilfe, geschweige denn der Mitarbeit des falsch programmierten Riesenbaby rechnen kann. Wie zuvor gibt der Polizeirat die zu lösende Aufgabe vor: „Das polizeiliche Gegenüber ist von Ihnen Wachtmeister Bokolic bei einem Einbruchsversuch gestellt worden und soll nun von Ihnen, nach Maßgabe ihrer polizeilichen Grundausbildung, durchsucht werden. Ich übernehme hierbei die Rolle des absichernden Streifenführers“. Riesenbaby begibt sich auf Kommando des Polizeirats gehorsam mit dem Gesicht zur Wand an die Längsseite der Turnhalle, wo er, ebenso willig dem Kommando des Polizeirats gehorchend, die Hände nach oben streckt, einen Schritt von der Wand zurücktritt, um dann, immer noch unter der Befehlsgewalt des von ihm gefürchteten goldbetressten Männleins, den Oberkörper nach vorne gleiten lässt, und mit erhobenen Händen, die Beine gespreizt, sich in vorbildlicher Haltung eines zu durchsuchenden Delinquenten, mit den Händen oben an der Wand abstützt. Dann stellt sich der Polizeirat, seine Dienstwaffe zur Hand nehmend, den Schlitten vorschriftsmäßig zurückgezogen, Magazinschacht und Lauf frei ohne Magazin, in die Position des absichernden Streifenführers und übergibt danach Bokolic mit dem Satz „Durchsuchen Sie, Wachtmeister Bokolic, ich sichere ab“, die Gestaltung des Handlungsablaufs. Ab diesem Zeitpunkt, so weiß Bokolic von den beiden vorhergegangenen, misslungenen Übungen, muss er mit entschiedener Gegenwehr des Riesenbabys rechnen, der in den spielerischen Zweikämpfen dank seiner haushohen körperlichen Überlegenheit die besseren Chancen hat. Wild entschlossen, diesmal die Prüfungsaufgabe im Sinne der polizeilichen Aufgabenerfüllung zu vollziehen, tritt Bokolic von links seitlich an Riesenbaby heran, während weiter hinten der sichernde Streifenführer die Waffe in der Hand, wie es die Vorschrift verlangt, zur rechten Seite überwechselt. In dem Augenblick, als Riesenbaby die Hand des Bokolic, zur Durchsuchung ansetzend, an seinem rechten Oberschenkel spürt, und dazu den Atem von Bokolic’s Stimme von rechts spürt, der seinen Hals lang von der linken Seite zur rechten Körperhälfte des Riesenbabys verrenkt, lässt Riesenbaby, sich immer noch mit der Linken oben an der Wand abstützend, den rechten Arm nach unten fallen, um den auf der rechten Seite hinter ihm vermuteten Bokolic den entscheidenden Schlag in die unteren Extremitäten zu versetzen. Bokolic, der das Manöver vorausahnt, bringt von hinten, mit kräftiger Grätsche das rechte Bein des Riesenbabys aus dem sicheren Stand aushebelnd, mit geschicktem Zug an der rechten Hüfte, das Riesenbaby, mit seiner zudem weit zum Schlag ausholenden Rechten vollends aus seiner zur Wand geneigten Haltung, sodass Riesenbaby mit seinem Gesicht an der rauen Hallenwand entlangschrammend, der Schwerkraft seines Körpers folgend, mit lautem Klatschen auf dem Boden aufschlägt. Bokolic kennt kein Erbarmen. Den immer noch nach hinten ausgestreckten Arm auf den Rücken verdrehend, klatscht er die mit der linken Hand aus dem Gürtel gefischte Acht um das rechte Handgelenk und genauso zielstrebig dem vor Schmerz und Wut fast betäubten Riesenbaby auch um das Handgelenk des linken Armes, den er durch kräftiges Weiterrollen des Riesenbabys ebenfalls hinter den Rücken gezwungen hat. Danach beugt er sich über das, mit dem Gesicht zur Erde, sich hilflos windende Riesenbaby und untersucht dessen von dem Sturz stark malträtiertes Gesicht. Er erhebt sich sodann, dreht sich zu seinem Streifenführer spielenden verdutzten Polizeirat um und sagt geschäftsmäßig: „Widerstand gebrochen, keine Brüche erkennbar, nur leichte Schürfwunden. Rufen Sie bitte einen Sanka zur Versorgung des Verletzten. Ich beginne jetzt mit der angeordneten Durchsuchung der Person“. Hierbei beugt er sich wieder zu dem jammernd daliegenden Riesenbaby und beginnt in aller Seelenruhe diesen, so, wie es die Polizeidienstvorschrift verlangt, systematisch zu durchsuchen. Noch bevor Bokolic die ersten Handgriffe der Durchsuchung zu Ende führen kann, schallt von hinten die befehlsgewohnte Stimme des Vorsitzenden der Kommission: „Das genügt, Ende der körperlichen Durchsuchung. Wir haben genug gesehen.“ Riesenbaby, von den Fesseln befreit, wird durch die herbeigerufenen Sanitäter auf einer Liege zur Sanitätsstube abgetragen. Der Prüfungsvorsitzende fragt Bokolic, ob er ein so brutales Vorgehen für gerechtfertigt hält. Bokolic, in theoretischen Diskussionen dieser Art bewandert, verteidigt sein Vorgehen als zweckmäßig, notwendig und auch angebracht. Es sei das Berufsrisiko des polizeilichen Gegenübers, das sich gegen eine solche rechtmäßige, vorschriftsmäßig durchgeführte polizeiliche Maßnahme zur Wehr setzt, dass es sich hierbei Verletzungen zuziehe. Schließlich habe er, Bokolic, gegenüber dem körperlich überlegenen Rechtsbrecher die Verhältnismäßigkeit der Mittel in hohem Maße gewahrt, indem er lediglich das mildeste Mittel, nämlich einfache körperliche Gewalt angewendet habe. Wie selbst die vorausgegangenen misslungenen Übungen gezeigt hätten, sei zur Durchsetzung der befohlenen polizeilichen Maßnahme keine andere Möglichkeit gegeben gewesen. Der kleine Polizeirat scheint nicht einverstanden. Nach dem Einwand Bokolics, schließlich habe selbst der Streifenführer keine bessere und andere Möglichkeit demonstrieren können, gibt sich dieser letztendlich geschlagen. Abschließend kommt noch die Bemerkung des Vorsitzenden der Prüfungskommission: „Erstaunlich ist dieses taktische Geschick schon, ich finde diese praktische Leistung und ihre theoretische Untermauerung bemerkenswert. Wir sollten es dabei bewenden lassen und zu der nächsten Gruppe übergehen“. Damit haben Bokolic und Riesenbaby auch den praktischen Teil der Zwischenprüfung mit Bravour bestanden. Am Abend dieses denkwürdigen Tages kommt es bei der Erörterung des Für und Wider zu der eingangs erwähnten Zertrümmerung des eisernen Bettgestelles durch ein berserkerhaft wütendes Riesenbaby.

 

Wie man ausreichende Sportleistungen erbringt

 

Vor der eigentlichen Sportprüfung im Lehrgang steht die Notenfeststellung. Nicht die Prüfung ist für Bokolic das Problem, weil bei praktischen Prüfungen schon mal ein Auge zugedrückt wird, da auch der Beste einmal einen schlechteren Tag erwischen kann. Doch die Leistungen bei der Notenfestsetzung werden von einem Ausbilder festgestellt, der selbst ausschließlich zu sportlichen Leistungen fähig ist, und der allen geistig regen Polizisten misstrauisch gegenübersteht. Sind diese sportlichen Leistungen dann so ärmlich, dass sie, wie bei Bokolic, mit Mühe eine ausreichende Note erbringen, werden diese „Schlappies“ durch die Bank, wie der Ausbilder zu sagen pflegt: „Eingemacht, abgesaut, plattgewalzt“. Beim vorgeschriebenen Zehntausendmeterlauf im Frühjahr kann nur taktisches Geschick Bokolic vor dem Einmachen und Absauen retten. Alle vierzehn Tage darf eine Gruppe aus drei zeitgleichen Lehrgängen sich für die in der Prüfungsordnung vorgeschriebenen Übungen melden. Die Übungen werden zwischen 05.00 Uhr und 07.00 Uhr in der Frühe absolviert, um den eigentlichen Schulbetrieb nicht zu stören. Bokolic wartet zuerst einmal günstiges Wetter ab. Am Vortag, nach Anhören des Wetterberichtes meldet sich Bokolic mit einer kleinen Gruppe unentwegter Frühaufsteher zum Lauf über fünfundzwanzig Runden um das Sportplatzrondell. Ideales Wetter herrscht, jedoch nur für Bokolic. Die anderen fluchen über den Frühnebel, in dem man kaum die Hand vor dem Gesicht sehen kann. Die sportbegeisterten Kollegen wissen, dass diese feuchtkalte Luft auch einem gestählten Sportler den Atem nehmen kann. Nach dem Warmmachen geht es an den Start. Bokolic lässt die kalte Schadenfreude des Prüfenden an sich abgleiten, startet langsam aber zielstrebig, die ersten Runden hinter der Meute herlaufend. Danach lässt er sich langsam abfallen, bis keiner der Mitstreiter mehr in seinem Blickfeld ist. Von nun an hat er es recht einfach. Drei Runden durchlaufen, eine Runde im Nebel, unsichtbar für Freund und Feind, gemächlichen Schrittes quer über den Platz abkürzend. Der Prüfer vergleicht tapfer, sorgfältig auf Bokolic und die übrigen Wackelkandidaten achtend, deren Rundenzahl und die Sollzeiten. Als Bokolic einen Mitstreiter bemerkt, der schwer atmend stehen geblieben ist, wartet er, bis die sportlichen „Toppies“ sie überlaufen haben, und schiebt dann den sich nur leicht Sträubenden im dichten Nebel quer über den Platz, wo sich beide wieder in den Ringelpietz der Läufer einreihen. Zum Ende müssen nach gemeinsamer Zielankunft der „Toppies“ noch vier Schwächlinge zwei weitere Runden drehen, bevor sie erschöpft zusammenbrechen dürfen. Alle „Schlappies“ sind jedoch, dank des guten Timings von Bokolic und trotz der strengen Zeitmessung des Prüfers in der geforderten Zeit geblieben. Ähnlich geschickt meistert Bokolic die gefürchtete, mehr als drei Meter hohe, Bretterwand. Sein Stubenkamerad, der von den Kollegen mit dem Namen Riesenbaby belegt wird, hat Bärenkräfte, mit denen er oft jedoch nicht umgehen kann. Im Sport kann ihn eine nicht geschaffte Übung nicht aus der Ruhe bringen. Seine Bestnote in diesem Fach ist ihm trotzdem sicher. Zur Überwindung der Bretterwand bedarf es eines kraftvollen Anlaufes und eines gekonnten Aufschwunges. Den kraftvollen Anlauf hat Riesenbaby oft demonstriert. Der Aufschwung bleibt regelmäßig bei ihm aus. Er donnert mit voller Kraft gegen die Bretterwand, nicht jedoch darüber hinweg. Bokolic hat ihn gebeten, ihm bei Bewältigung der Wand dieses eine Mal nur behilflich zu sein. Unmittelbar hinter Riesenbaby eingereiht, wartet Bokolic auf den Anlauf seines Vordermannes. Riesenbaby hat nicht gefragt, wie er Bokolic helfen soll. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass Bokolic wie gewohnt das alleine regeln werde. So stapft Riesenbaby mit immer schneller werdenden Schritten auf die Bretterwand zu. Der Prüfer steht auf der anderen Seite und begutachtet die Landung der sich über die Wand schwingenden Kandidaten. Bokolic ist fast zeitgleich mit Riesenbaby gestartet. Während Riesenbaby mit seinem massigen Körper gegen die Wand donnert, um danach vor der Wand benommen in sich zusammenzusinken, ist Bokolic, den eigenen Schwung nutzend, auf den Rücken von Riesenbaby gesprungen und zieht sich, nicht gerade elegant aber immerhin doch gekonnt, über den Scheitelpunkt der Wand, fällt zum Erstaunen des Prüfers, der wegen des lauten Getöses von Riesenbabys Anprall gerade um die Ecke schauen will, direkt vor dessen Füßen auf die ausgelegte Gummimatte. Er grinst den verdutzten Prüfer an und sagt: „Mit Köpfchen schafft man auch die Onanierwand“. Damit hat Bokolic einen soliden Grundstock für eine zumindest ausreichende sportliche Leistungsbewertung gelegt.