Zwischenstation Berlin

 

Die Stadt habe ich bereits vorher flüchtig kennen gelernt. So wie man eben eine Stadt kennen lernt, in der man dienstlich unterwegs ist. Bis 1992 bestanden meine Kenntnisse über diese Stadt, nun Hauptstadt, aus den Außen- und Innenansicht von Dienstgebäuden, des Landgerichtes, einer Polizeikaserne sowie den flüchtigen Eindrücken einer halbtägigen Besichtigungstour mit Besichtigung der Dinge, die jeder Tourist gesehen haben muss: Zehlendorf, Grunewald, ein, zwei Seen, Charlottenburger Schloss, KADEWE, Kudamm, die Mauer, grünes Wasser in Kanälen, Kreuzberger Kiez, nochmals die Mauer mit Reichstag und Brandenburger Tor sowie abends Kudorf mit seinen Kneipen und später noch die Eierschale. Jetzt war alles anders. Den Pkw bis unter das Dach vollgeknallt mit Büromaterial, Computer, Bettzeug, Geschirr und Kleidungsstücken dazu noch Gerd meinen Kollegen auf dem Beifahrersitz, hinter ihm seine Sachen verstaut , fuhren wir, aus dem hessischen Rhein Main Gebiet kommend, über die Autobahn gen Osten in das wiedervereinigte Berlin, verpflichteten uns danach Jahr für Jahr neu, den Nachlass der Vereinigung auf unsere Weise aufzuarbeiten, bis dann das Ende abzusehen war, die meisten der Abgeordneten Beamten wie auch Gerd in ihre Heimat und ihre alten Dienststellen zurückschlüpften und das alte und neue Berlin aus ihren Gedanken verbannten. Wenige blieben, nicht aus Anhänglichkeit, eher aus Perspektivlosigkeit, weil da drüben in ihrem alten Zuhause sie auch nichts mehr lockte und sie eh schon irgendwie hier Wurzeln geschlagen hatten. Ich war im Gegensatz zu all diesen von Anfang an mit dem festen Vorsatz hierher gekommen, hier etwas Neues zu beginnen, und nach einem Jahr war der Vorsatz hinzugekommen, den Rest meines Lebens hier zu verbringen. So lernte ich die Stadt kennen, indem ich mich von Dorf zu Dorf geleiten ließ, denn die Stadt Berlin ist, wie jeder Berliner weiß, nichts anderes als eine zufällige Ansammlung vieler alter Dörfer, manchmal mit etwas mehr manchmal etwas weniger Stadt drum herum, dazwischen Wald, Feld, Gartenkolonien, Kanäle Flüsse, Fließe und Seen. In manchem Schuppen direkt neben einem Hochhaus krähen noch heute Hähne. Mancher geborene Berliner ist jedoch zeitlebens nicht aus seinem Kiez herausgekommen. Viele Ecken Straßen und Winkel dieser Dörferstadt kenne ich bis heute nicht, manche davon sind es auch nicht wert. Andere jedoch warten förmlich darauf, dass mich jemand dorthin bringt, damit ich wieder zu Staunen beginne über die Vielfalt einer Stadt namens Berlin.