Madame und der kleine Fritz

 

Gerade vierzehn Jahre, mutig und verwegen, begibt sich eine Horde von sieben Unentwegten auf einen sommerlichen Trip ans Mittelmeer. Sieben ist eine ungerade Zahl. Zu zweit kann man noch gut trampen. Ein Trio hingegen nimmt auch der geduldigste Lastwagenfahrer nicht mehr in seiner Kabine mit. Die Limousinen dieser Zeit sind recht klein geraten und meist mit zwei und mehr Personen besetzt. So kommt es, dass die Kameraden von Bokolic paarweise das große Abenteuer suchen, während Bokolic, Zelt, Schlafsack und Rucksack geschultert, alleine an der Straße steht und den Daumen nach oben streckt. Zuerst geht es gemeinsam über die Goldene Bremm, Saarbrückens Grenzübergang nach Frankreich. Als „assoziierte Heckenfranzosen“ oder auch als Saarrois, als Saarländer also, haben die Jungs keine Probleme mit dieser Grenze zu befürchten. Noch ist jeder von ihnen stolzer Besitzer von mindestens 500 alten Francs, was heute etwa 100 DM entspricht. Somit kann ihnen auch die gefürchtete „gendarmerie francaise“ nichts anhaben, die jeden, der diese stolze Summe nicht besitzt unerbittlich als „clochard“ verhaften darf. Nach der Grenze trennen sich die Wege. Bokolic trampt alleine durch ehemals deutsch-elsässische Lande über Saarburg, Straßburg, Colmar und Mühlhausen, um zwischen dem südlichen Ende der Vogesen und dem Alpenvorland am Jura entlang in Richtung des alten Burgund vorzustoßen. So gelangt er über Besancon, Dole, Chalon sur Saone, Lyon und Montelimar, endlich zur Rhone und, der alten „rue nationale sept“ folgend in die französische Papststadt Avignon. Als Treffpunkt haben die sieben Getreuen „Sur le pont d` Avignon“ ausgemacht. Der junge Bokolic hat einen Schnellstart erwischt und ist das letzte große Stück des Weges auf der „Rue nationale“ von einem nach Marseille fahrenden elsässischen Trucker mitgenommen worden. Auf der „Ile du Rhone“ hat er vor den Toren der Stadt den Campingplatz gefunden, auf dem er sein Zelt aufschlagen kann. Mit den französischen Jugendgruppen, die ihre Ferien dort verbringen, schließt Bokolic sofort guten Kontakt. Tagsüber kühlt er sich mit den Anderen im Schwimmbad ab oder fängt Aale, die sie auf Stöcke gespießt über dem Lagerfeuer braten. Bei den Bauern im Rhonetal lässt sich durch Hilfsarbeiten auch einiges zum Lebensunterhalt beisteuern. Die Wege in die Altstadt und zum Papstpalast, zum Marktplatz und dem Wahrzeichen, der halben Brücke in die Rhone, sind an den langen Sommerabenden bald erkundet. Bevor die übrigen Kameraden paarweise eintrudeln, hat Bokolic eine höchst spannende Bekanntschaft gemacht. Am zweiten oder dritten Abend, den er, durch die Gassen der Altstadt lungernd, in Avignon verbringt, wird Bokolic vor einem dreistöckigen, farbenfrohen, hell erleuchteten Haus von einer „Dame“ reiferen Alters in gebrochenem Deutsch mit leicht badischem und stark französischem Einschlag angesprochen. Madame spricht ihn seltsamerweise mit „Fritz“ an. Sie fragt ihn zuerst sehr direkt, ob er denn nicht hungrig sei. Als der junge Bokolic dies heftig bejaht, bittet sie ihn, vor dem Hause an einem der kleinen dort aufgestellten Tische Platz zu nehmen. Ein junges, bildhübsches Mädchen, kräftig geschminkt und herausgeputzt, bringt auf energisches Parlieren der „Grande Dame“ für diese ein Glas Wasser mit einem kräftigen Schuss Pernod und für Bokolic ein Glas Milch. Später eilt sie zu dem Restaurant schräg gegenüber und kommt mit einem Korb mit Tellern und Besteck, einem kaltem Braten, Käse, Oliven und Tomaten sowie einem französischen Weißbrot zurück, das sie mit gewinnendem Lächeln vor den Beiden auf dem Tisch serviert. Danach bleibt sie bei einer ihrer Freundinnen im Hauseingang stehen, unterhält sich mit den vorbeischlendernden männlichen Touristen und Einheimischen und verschwindet später mit einem der Männer im Haus. Madeleine, so stellt sich die Grande Dame vor, sieht dem kräftig zulangenden Bokolic freundlich zu und erzählt mit einer etwas rauchigen aber durchaus melodiösen Stimme in fast kindlichem Deutsch, untermischt mit Brocken im hart klingenden mediterranen Französisch des Südens, warum sie Bokolic mit Fritz angesprochen hat:

 

Wir schreiben das zweite Jahr der Besetzung weiter Teile Frankreichs durch die deutschen Truppen. Im südlichen Teil, zu dem auch Avignon gehört, haben die Deutschen bis dahin kein Besatzungsregiment errichtet, wenn auch die SS-Schergen sich verdeckt fast wie eine Besatzungsmacht aufspielen. Aus dem Norden Frankreichs sind viele Franzosen vor den deutschen Truppen in den Süden geflüchtet, darunter auch Madeleines Eltern mit ihren beiden erwachsenen Töchtern Angelique und Madeleine. In der Nähe von Avignon bewohnen sie einen kleinen Bauernhof, der den verstorbenen Eltern des Vaters gehörte. Eines Tages bittet ein junger Mann höflich bei ihren Eltern um Hilfe. „Fritz“, so heißt der junge Mann, ist von Vater ´s Seite her Elsässer, von der Mutter Seite Badenser und daher im neuen „Großdeutschen Reich“ zur Wehrmacht eingezogen worden. Eine glückliche Fügung nutzend, kann er, der er sich mehr als Franzose, denn als Deutscher fühlt, bei einem Sicherungsunternehmen in Lyon der Wehrmacht entkommen und ist auf abenteuerlichen Wegen bis in den unbesetzten Teil Frankreichs nach Avignon gelangt. Nun hat er von einem Bekannten in der Stadt erfahren, dass die Bevollmächtigen der Kettenhunde und der SS mit den französischen Behörden zusammenarbeiten und dem Deserteur Fritz auf der Spur sind. Er gehe davon aus, sagt er, dass der Vater von Madeleine als ehemaliger französischer Reserveoffizier ihn wohl auf dem weitläufigen Anwesen verstecken könne, bis die Gefahr einer Entdeckung und Verhaftung zumindest geringer geworden sei. So geschieht es denn auch. Fritz wird vor den Behörden versteckt. In dem Maße, in dem sich die Gefahr für den jungen gut aussehenden Mann, durch die weitere Besetzung von Teilen Frankreichs durch deutsche Truppen verstärkt, wächst und reift zuerst schüchtern, dann eine hell auflodernde leidenschaftliche Liebe zwischen Madeleine und Fritz heran. Als die deutschen Truppen dem Spuk Vichy - Frankreichs ein Ende machen, sind die beiden Liebenden schon längst ein Paar. Es kommt, wie es kommen muss. Fritz muss kurz vor der Befreiung Südfrankreichs erneut sein Versteck fluchtartig verlassen, weil einer der überall anzutreffenden Kollaborateure den Behörden die Anwesenheit des jungen Mannes gesteckt hat. Der Vater von Madeleine wird festgenommen, die schwangere Madeleine jedoch von ihren eigenen fanatischen Landsleuten als Deutschenliebchen geschoren und öffentlich an den Pranger gestellt. Während ihre Mutter mit der Schwester wieder in den Norden Frankreichs zurück gehen um der Schande zu entgehen, bleibt Madeleine in Avignon. Sie wird von einer „Grande Dame“ des ältesten Gewerbes der Welt aufgenommen und bringt ihr Kind, einen kleinen Jungen, im Hause dieser Dame zur Welt. Der Junge stirbt jedoch bereits nach einigen Wochen. Madeleine verkauft den Hof des in der Zwischenzeit im Gefängnis verstorbenen Vaters und beteiligt sich mit dem Erlös an dem gut gehenden Geschäft der „Grande Dame“. Diese lehrt sie genau wie die anderen Mädchen des Hauses, den richtigen Umgang mit Freiern und die Spielregeln dieses harten Geschäftes. Vor nicht allzu langer Zeit hat sich ihre Lehrmeisterin zur wohlverdienten Ruhe gesetzt. Jetzt leitet Madame Madeleine das Etablissement mit angeschlossenem Stundenhotel. Von Fritz jedoch hat sie nie wieder gehört. Er gilt als verschollen.

 

Madame Madeleine hat geendet und schaut Bokolic fragend ins Gesicht. Hierbei streicht sie sanft mit einer mütterlich wirkenden Geste über die schwarzen Locken auf Bokolics Haupt. „Bist wie mein Fritz, junger Mann, nur a bisserl jünger.“ Madeleine hat Bokolic den letzten Teil der Geschichte sehr behutsam und verklausuliert erzählt. Trotzdem hat Bokolic begriffen. Auf ihre Fragen erzählt er der Madame die Geschichte seiner Jugend und Herkunft und wie er nach Avignon gekommen ist. Seine Geschichte ist viel kürzer als die der „Grande Dame“. Als er geendet hat, bestellt Madame resolut bei einem ihrer Mädchen einen Liter Roten für sich und ausnahmsweise auch für den kleinen Fritz. Ihr Trinkspruch an diesem Abend lautet „La guerre est merde“. Er wird umgehend von Bokolic beantwortet mit „Scheißkrieg, jeder Krieg ist Scheiße“. Danach sitzen die Beiden noch einträchtig zusammen, bis der Rotwein zur Neige geht. Bokolic verspricht, solange er in der Stadt ist, jeden Abend, bei Madame vorbeizuschauen. Dies tut Bokolic in den folgenden drei Wochen auch. Ab diesem Tage braucht sich Bokolic keine Sorgen um seinen Lebensunterhalt mehr zu machen. Madame stellt ihm alle ihre Mädchen vor, die entzückt sind, einen so jungen Mann nach Strich und Faden verwöhnen zu können. Madame achtet dabei sorgsam darauf, dass der junge Mann nicht allzu vertraut wird mit den manchmal ein wenig lockeren Sitten ihres Etablissements. Die Mädchen sind zufrieden, dass sie ganz normal mit dem Jungen umgehen können, der ab und zu einem oder einer ganzen Horde männlicher Touristen den Weg zum Etablissement von Madame zeigt. Abends sitzt Bokolic immer am gleichen Tisch draußen vor der Tür bei Madame. Sie plauschen zusammen, wie zwei alte Bekannte und der junge Bokolic wird bei manchen Fragen, die er unbefangen zu den Mädchen und ihrer Tätigkeit im Etablissement stellt, doch tatsächlich noch rot hinter den Ohren. Madame nimmt das einerseits belustigt, andererseits befriedigt zur Kenntnis und wechselt schnell zu ihrem Lieblingsthema, der Geschichte ihrer einzigen unglücklichen Liebe, ihren Träumen von einem Leben auf dem Hof des Vaters mit dem „Großen Fritz“ an ihrer Seite und dem „Kleiner Fritz“ auf ihrem Schoß. Bokolic lässt es einfach zu, dass sie ihn mit „Kleiner Fritz“ anredet, auch dass sie ihm ab und zu mütterlich über die Haare streicht oder mit energischer Stimme seine schmutzigen Sachen abfordert, und diese am nächsten Abend, gewaschen und gebügelt, über „seiner Stuhllehne“ am Tisch hängen. In der Zwischenzeit haben auch Bokolics Kameraden den Weg zur Brücke von Avignon gefunden. Eine der Jugendgruppen, die auf dem gleichen Zeltplatz campieren, hat zu einem Ausflug in die wilde Camargue eingeladen, mit dem von ihnen gecharterten Bus. So heißt es Abschied nehmen von Avignon, dem Etablissement mit den hübschen Mädchen und vor allem von Madame. Madame sagt nur: „Wenn Du gehen musst, dann geh, Kleiner Fritz, geh wie er und dreh Dich nicht um. Es war schön mit Dir. Nun geh.“ So ist Bokolic gegangen und hat nie mehr etwas von Madame gehört oder etwas von sich hören lassen. Auch der „Kleine Fritz“ ist verschollen und lebt nur noch in Gedanken weiter.